MICROMV ist das am stärksten gestrandete Consumer-Videoformat, das je hergestellt wurde. Sony brachte es 2001 als vorgesehenen Nachfolger von Mini DV auf den Markt — mit einer Kassette, die weniger als halb so groß war wie Mini DV, und Aufnahmen, die bereits in der Kamera als MPEG-2-Video gespeichert wurden. Auf dem Papier sah es nach einer klugen Miniaturisierung aus. In der Praxis scheiterte das Format fast sofort. MICROMV-Kassetten funktionierten nur in Sony MICROMV-Camcordern. Sonys MovieShaker- und MovieStudio-Software (der einzige Weg, die MPEG-2-Dateien von der Kassette zu bekommen) war fehlerhaft und zwang den Nutzer in das Sony-Ökosystem. Mini DV blieb flexibler, kompatibler und beliebter. Bis 2005 hatte Sony die Produktion von MICROMV-Camcordern stillschweigend eingestellt.
Danach wurde das Format aufgegeben. Es gab nie einen Deck eines Drittanbieters. Keine Software außerhalb von Sonys eigenen (inzwischen eingestellten) Tools konnte MICROMV-Kassetten lesen. Das proprietäre FireWire-Protokoll, das Sony für die Dateiübertragung verwendete, wird von keinem modernen Computer mehr unterstützt. Im Jahr 2026 ist der einzige Weg, MICROMV-Material vom Band zu bekommen, ein funktionsfähiger Sony MICROMV-Camcorder — und diese Camcorder werden zunehmend rar und unzuverlässig. Die Festplatte im Camcorder fällt aus. Der Transportmechanismus nutzt sich ab. Der optische Sensor degradiert.
Das Band selbst hat dieselben Probleme wie jedes Consumer-Magnetband aus den frühen 2000er Jahren: Oxidabblätterung, Dropout-Fehler und langsamer Magnetzerfall. Über zwanzig Jahre später erfordert die Signalrückgewinnung Geduld und Fachwissen.
Das vierte Problem ist der digitale Workflow. MICROMV zeichnet auf einen nicht standardisierten MPEG-2-Datenstrom auf. Viele Digitalisierungsdienste, die „Mini DV und ähnliche" Formate anbieten, können das Stream-Format von MICROMV tatsächlich gar nicht verarbeiten. Das Audio läuft aus dem Sync, die Datei lässt sich nicht in Standard-Schnittsoftware importieren, oder die Übertragung bleibt mittendrin hängen.